Mein Vater befand sich im freien Fall. Als er auf dem Asphalt aufschlug, schoss ihm ein scheußliches Knacken durch den Leib, gefolgt von einer tranceartigen Benommenheit. Er saß auf dem Bürgersteig und konnte nicht mehr aufstehen. Sein Gesicht wurde kreidebleich. Langsam rollte er sich auf die Seite und erbrach in den Sand. Drei Männer, die sich für ein Sonnenbad am Strand hingelegt hatten, trugen ihn bis zur Straße hinter der Eigentumswohnung, wo er auf einen Krankenwagen wartete.
Als ich sein Zimmer im Cedars-Sinai betrat, sah er mich mit trüben, unkoordinierten Augen an.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
„Ich weiß nicht genau.“ Er hielt inne und starrte zur Decke. „Ich stand auf dem Balkon mit Blick auf das Meer …“ Dann breitete er langsam die Arme aus wie Flügel, und er rang sich ein Lächeln ab. Aus seiner Kehle drang ein rasselndes Geräusch, das wie ein Motor klang. „Ich bin geflogen.“ In seinem Blick lag etwas Wahnhaftes, das ich nicht kannte. „Meine Fersen sind dabei zertrümmert“, sagte er. Anschließend sah er mich an. „Deine Mutter ist richtig sauer. So habe ich sie noch nie erlebt.“ Er schwieg. „Ich brauche jetzt etwas Schlaf. Aber ich möchte, dass du mir bei deinem nächsten Besuch fünf Fläschchen Jack Daniel’s mitbringst. Denkst du daran?“
„Ja“, antwortete ich.
Ich befand mich gerade auf einer Geschäftsreise zur Onizuka Air Force Station in Sunnyvale, als er stürzte. Meine Mutter klang auf dem Anrufbeantworter in meinem Hotel aufgebracht. Sie sagte, er habe den Halt verloren, als er versucht habe, über das Geländer zu klettern und auf den Strand zu springen. Er habe gesehen, wie das jüngere Männer in anderen Wohneinheiten gemacht hatten, konnte sich jedoch nicht mehr halten und traf auf dem Gehweg auf. Ein Unfallchirurg führte eine dreistündige Notoperation durch. Außerdem hatte er eine Gehirnerschütterung, weil sein Hinterkopf auf dem Bürgersteig aufgeschlagen war.
Nachdem ich Cedars verlassen hatte, fuhr ich mit meinem alten Citroën DS mit 145 km/h auf dem Interstate-Highway 405 Richtung Süden. Als ich Redondo Beach erreichte, überhitzte der Motor. Es roch nach verbranntem Öl, während ich die Handsendertaste drückte. Das Garagentor aus Metallgitter klapperte unter Anspannung, als es sich seitwärts öffnete. Dann fuhr ich in die riesige Tiefgarage von „The Excelsior“, einem in die Jahre gekommenen Gebäudekomplex für Singlehaushalte mit einem Schwimmbecken, zwei Whirlpools und einer großen Sauna aus Zedernholz. Die Aufzüge waren träge und die Flure rochen modrig.
Als ich hereinkam, schlang Chrissie die Arme um mich und drückte mir einen dicken, nassen Kuss auf. Sie war drei Wochen zuvor bei mir eingezogen. Wir hatten uns auf einer wilden Mittsommer-Kostümparty in Hermosa Beach kennengelernt. Ich hatte mich als Seefahrer-Yuppie verkleidet, marineblauer Blazer, lockere Hose, Pilotensonnenbrille und Bootsschuhe von Sperry. Nachdem wir uns ungefähr eine Stunde lang unterhalten und Wein getrunken hatten, fragte ich sie, ob sie mich nach Hause begleiten würde. Ein seltener dichter Nebel hatte sich über den gesamten Strandbereich gelegt.
Als wir nach meinem Auto Ausschau hielten, fragte sie: „Fährst du Porsche?“ Ich glaube, ihr war gar nicht klar, dass ich mich verkleidet hatte. Ich sagte ihr, dass ich keinen Porsche fuhr, aber wir sahen uns trotzdem wieder.
Wir begannen zu knutschen, sobald wir die Tür hinter uns gelassen hatten. Sie streifte ihren Micro-Minirock im 60er-Jahre-Stil, ihr großes, goldenes Peace-Zeichen und den weißen Rollkragenpullover ab. Nur die wadenhohen, schwarzen Lacklederstiefel behielt sie an. Mit weit ausgestreckten Armen lag sie auf meinem Futon und winkte mich mit einem verschmitzten Lächeln zu sich heran. Ich war nervös, aber ich fiel in milchiges Weiß und in wallendes rotes Haar.
Die meiste Zeit war ich froh darüber, dass sie bei mir eingezogen war. Ihre Berührungen hatten heilsame Kräfte. Manchmal, wenn ich einen schrecklichen Kater hatte, umschloss sie meinen Nacken sanft mit der Hand und ließ die bösen Geister verschwinden. Ich konnte es spüren.
Aber es gab ein paar negative Dinge, und diese negativen Dinge nagten zunehmend an mir. Aufgrund ihrer Zahnfehlstellung hatte sie Probleme mit der Aussprache.
„Wie geht ‚ef‘ deinem Vater?“, fragte sie.
„Ganz gut“, antwortete ich, „aber er wirkt orientierungslos. Verwirrt. Ein kleines bisschen psycho, um ehrlich zu sein. Aber er hat eine Gehirnerschütterung, damit war wohl zu rechnen.“
„Komm her“, sagte sie, ließ ihre Zeitschrift los und streckte mir die Arme entgegen. Ohne weitere Worte zu verlieren, zog sie mich in einen duftenden Dschungel. Da waren keine Sätze mehr, nur langsame Küsse und Liebkosungen, und der innere Monolog verstummte. Heilung durch Sex.
Chrissie belegte in Linda Beigles Biorestaurant Eylsian Fields Sandwiches. Linda war die Geliebte von Charles Bukowski, mit dem sie auch zusammenlebte
An einem Samstagnachmittag saßen Linda, Chrissie und ich im Restaurant, als es schon geschlossen hatte, und legten alte Platten von Jimmy Cliff und Bob Marley auf. Linda hatte die Leuchtschrift ausgeschaltet und die Jalousien heruntergelassen. Dann kam sie aus dem hinteren Bereich mit einer riesigen Wasserpfeife, füllte sie mit Maui Buds und zündete sie an. Sie und Chrissie nahmen tiefe Züge. Dicke Rauchschwaden breiteten sich in der Luft aus. Nach einer Weile begannen die beiden, sich langsam zu gleichmäßigen Reggae-Klängen zu bewegen. Ich saß auf einem großen Kissen und beobachtete sie, während ich eine Dose Coors trank.
Plötzlich fuhr ein Auto an den Bordstein heran und kam abrupt zum Stehen. Durch die Jalousien erhaschte ich einen Blick auf einen schwarzen Acura. Jemand klopfte an die Tür.
„Aufmachen!“
Linda öffnete sie rasch.
„Macht das aus!“, brüllte Bukowski. „ICH HASSE DIESEN MIST! UND HÖRT AUF ZU KIFFEN!“
„Hallo Papa. Ich würde dir gern Chrissies Freund Ralph vorstellen.“ „Ich scheiß auf Ralph“, sagte er, „der Computer hat fünf Gedichte gelöscht, an denen ich gerade gearbeitet habe, und ich kann sie nicht wiederherstellen.“
„Ich bin mir sicher, dass Ralph sie wiederherstellen kann“, sagte Linda. „Er ist Computerexperte.“
Bukowski kniff die Augen zusammen und betrachtete mich mit einer kleinen indischen Zigarette zwischen den Lippen. „Du bist Computerexperte?“, fragte er langsam und mit heiserer Stimme.
„An guten Tagen bin ich definitiv ein Computerexperte“, sagte ich.
„Gut, ich hoffe, dass heute dein Tag ist. Arbeitest du für Wein?“
„Klar“, antwortete ich.
Chrissie und ich folgten Bukowski und Linda zurück zu seinem Haus, das auf einem Hügel in San Pedro stand. Bukowski führte mich eine schmale Treppe hinauf zu einem kleinen Arbeitszimmer mit Blick auf den Hafen. Er hatte einen einfachen Schreibtisch aus Holz mit einem Mac auf der einen Seite und einer alten, schwarzen Underwood-Schreibmaschine auf der anderen.
„Ich verwende immer noch die alte Schreibmaschine, wenn ich Inspiration brauche“, sagte er.
Er setzte mich vor den Mac, und ich machte mich an die Arbeit.
„Gelöschte Dateien sind nicht weg“, erklärte ich, „nur die Verweise dorthin wurden gelöscht. Mit der Zeit werden sie aber überschrieben.“
Bukowski hatte Norton Utilities installiert, und ich konnte die Festplatte durchforsten und nach den Titeln der Gedichte suchen. Nach einer halben Stunde hatte ich vier der fünf gelöschten Gedichte wiederhergestellt.
Als ich seine Gedichte im Textverarbeitungsprogramm aufrief, schaute er mich an, als wäre ich ein Zauberer. Dann fragte er, ob ich etwas von Wahrscheinlichkeitstheorie verstand. Er schloss dreimal die Woche in Santa Anita Pferdewetten ab und seit Jahren arbeitete er an einem ausgeklügelten Wettsystem. Er konnte es gar nicht erwarten, mit jemandem darüber zu sprechen, der sich gut mit Mathematik auskannte. Ich erzählte ihm, dass ich einen Kurs für Techniker namens „Wahrscheinlichkeitsrechnung für Fortgeschrittene“ besucht hatte, aber nicht an die Praxistauglichkeit glaubte.
Bukowski und ich gingen wieder nach unten, um uns bei Rotwein zu unterhalten. Ich erzählte ihm von „der Hütte“, einem Sperrholz-Schuppen, den der Vater meines Highschool-Freundes Rickey Stanley im Hinterhof gebaut hatte. Das war jahrelang unser Treffpunkt gewesen.
„Was zum Teufel habt ihr in dieser Hütte gemacht, rumgeschwult?“, fragte Bukowski.
„Wir saßen auf schmutzigen Kissen, und eine einzelne Glühbirne hing von der Decke. Wir rauchten Zigaretten, unterhielten uns über Mädchen und schauten uns Porno-Heftchen an. Manchmal haben wir auch deine Kolumne „Aufzeichnungen eines Dirty Old Man“ in der LA Free Press gelesen.
„Klingt lehrreich“, sagte Bukowski und grinste. „Schön, dass ich helfen konnte.“
„Wenn wir genug davon hatten, brachten wir dem Dackel Fritz das Masturbieren bei. Wir drückten seinen Hintern immer wieder gegen ein Kissen, bis er in den Rhythmus kam. Als er den Dreh raushatte, war er wie eine Maschine. Er rieb und rieb sich, und wir feuerten ihn an.“
„Mein Gott, das ist ziemlich kranke Scheiße“, sagte Bukowski und lachte. „Du stellst mich in den Schatten.“
Irgendwann steckte ich mir eine von seinen indischen Beedis in den Mund und kniff die Augen zusammen.
„Hör zu, Alter“, sagte ich langsam, „wenn du auf ihre Art schreibst, prügeln sie dich zu einem Scheißhaufen zusammen.“ Ich traf Bukowskis Sprechweise so außerordentlich, dass Linda sich vor Lachen kringelte.
Langsam drehte er sich um und blickte mich an. „Du bist echt in Ordnung, Alter. Hast du schonmal versucht, etwas zu schreiben?“
„Ein paar Mal“, sagte ich. „War alles Mist …“
„Schade“, meinte er. „Versuch es einfach noch mal.“
Bukowski trank ein Glas teuren Cabernet nach dem anderen. Er redete langsamer, und sein Bewusstsein wirkte weniger klar. Linda war damit beschäftigt, Chrissie eine lange Geschichte zu erzählen. Als sie erwähnte, wie sie mit The Who in einem Privatjet geflogen war, schaute Bukowski zu ihr herüber.
„Prahlst du schon wieder mit deiner Zeit als Rock ‘n’ Roll-Nutte?“
„Mistkerl! Ich war nie ein Groupie oder so ein Quatsch! Pete Townsend und ich haben uns für die Lehren von Meher Baba interessiert. Das war eine spirituelle Verbindung, und ich war damals zölibatär. Ich habe dir das schon tausendmal gesagt.“
„Und wenn du deinen Arsch um 3:30 Uhr morgens zu mir nach Hause schleppst, soll ich glauben, dass du mit den Weibern Tee getrunken und über Meyer Bubba diskutiert hast.“
„Du gehst davon aus, dass jede Frau eine Hure ist. Du hasst Frauen. Gib‘s zu! Deshalb bist du so versessen auf Muschi und Schwanz und diesen ganzen schmutzigen Kram. Du kannst keiner Frau in die Augen schauen und sie als menschliches Wesen begreifen. Alles, was du siehst, sind Netzstrümpfe, Titten und ein Loch.“
„Du regst mich langsam auf. Was würdest du verdammt noch mal ohne mich tun? Das beschissene kleine Restaurant wäre in einer Woche pleite. Was würdest du machen, wenn du dir einen echten Job suchen müsstest? Ich nehme an, du könntest im 7-Eleven Slurpees machen. Oder an einer Autobahnauffahrt Orangen verkaufen.“
„Du bist ein gemeines Miststück, das Leute dazu treibt, von Dächern zu springen oder sich die Kugel zu geben. Du hast echtes Talent dafür, sämtlichen Menschen um dich herum auch noch das letzte Stück Hoffnung und Freude zu nehmen.“
„Wenigstens habe ich ein Talent. Wie viele Leute können das von sich behaupten?“
„Du hast Recht. Hitler hatte ganz sicher auch großes Talent.“
„Warum ziehst du nicht aus? Geh doch einfach! Glaubst du, du bist die einzige Frau, die ich bekomme?“
„Nein, ich bin mir sehr bewusst, dass Berühmtheit als Köder – selbst wenn sie nur zweitklassig ist wie bei dir – ein kräftiger Liebestrank für weiblichen Trailerpark-Abschaum ist.“
„So ist das also!“ Bukowski schob den Fuß unter den hölzernen Couchtisch und warf ihn um. Dabei flogen Weingläser in die Luft. „Verschwinde aus meinem Haus! Du wohnst hier nicht mehr! Das meine ich so. Ich bin fertig mit dir!“ Bukowski und Linda starrten sich an. Linda klappte die Kinnlade herunter. Dann trat er nah an sie heran. „Ich meine es so! VERSCHWINDE!“, brüllte er und spuckte ihr ins Gesicht. Tränen strömten ihr über die Wangen.
Sie stand auf und sah mich an. „Bring mich hier raus“, sagte sie.
„Ok“, antwortete ich.
Linda, Chrissie und ich gingen langsam die lange, mit Bäumen bewachsene Auffahrt hinunter, vorbei an den dichten Hecken und Rosenbüschen, die von der Straße die Sicht auf das Haus versperrten. Linda schluchzte laut, und Chrissie umarmte sie unter der orangefarbenen Natriumdampflampe.
Ich sah zum Fenster im zweiten Stock hoch, das über der Hecke sichtbar war. Bukowski schlug heftig in die Tasten seiner Underwood-Schreibmaschine. Er tippte wie ein Verrückter, mit gesenktem Kopf und im Rhythmus eines Maschinengewehrs. Völlig versunken, verschwendete er keinen Gedanken daran, aus dem Fenster zu schauen. Wir setzten Linda in Manhattan Beach vor dem Haus eines schwulen Rechtsanwalts ab, den sie seit Jahren kannte.
Ich hatte die ganze Nacht in einem Atomschutzbunker der RAF Mildenhall in Suffolk, England, programmiert, der mit Stahlbetongewölbe und Panzertoren ausgestattet war. Es lief nicht gut. Die Echtzeit-Datenverbindung nach Ramstein, Deutschland, wurde immer wieder unterbrochen. Es wäre ein großer Schandfleck für das Unternehmen. Und die Schuld würde auf mich zurückfallen.
Ich schloss für einige Minuten die Augen und versuchte, an nichts zu denken. Plötzlich ging die Tür auf. Dort stand ein blonder Captain in einem einteiligen kakifarbenen Pilotenoverall. Unter dem Arm trug er einen Helm, auf dessen Vorderseite „Snoopy“ stand.
„Hallo, Mr. Hargraves, ich bin Captain Balfour. Ich habe gehört, Sie haben einen Programmiermarathon hinter sich. Ich habe einen Master in Informatik, also weiß ich, wie das ist. Wie wäre es mit einer Pause? Hätten Sie Lust auf eine Besichtigung der F-111?“
Ich zögerte und fragte mich, ob ich noch etwas mit der Software machen konnte.
„Ok, das klingt interessant“, sagte ich schließlich.
„Dann lassen Sie uns gehen.“
Snoopy sagte zum diensthabenden Technical Sergeant, dass er mich für einige Hardware-Tests zum Vorfeld begleiten würde. Ich folgte ihm aus dem Kommunikationsgebäude durch ein Labyrinth aus Betonfluren, die schließlich in einen höhlenartigen Hangar-Bereich mit vier F-111-Jagdbombern mündeten. Sie waren riesig, mit langen, schwarzen, spitz zulaufenden Flugzeugnasen, großen Spannweiten und schnittigen Treibstofftanks unter den Flügeln. Neben jedem Tank befand sich eine große Bombe. Der Captain nahm einen Helm und eine Sauerstoffmaske aus Ablagefächern, die an der Wand befestigt waren.
„Hier, probieren Sie das an“, sagte er.
Ich zog beides über den Kopf. Es passte. Wir näherten uns einem der Flugzeuge, das hellgrau gestrichen war, passend zum bleifarbenen Himmel über Europa.
Als wir davorstanden, konnte ich unter dem Cockpit einen Cartoon mit Snoopy erkennen, der seine alte Fliegerbrille trug. An beiden Seiten des Flugzeugs wurde eine Aluminiumtreppe positioniert. Captain Balfour kletterte die Leiter zum Pilotensitz auf der linken Seite hinauf.
„Sie werden auf dem Sitz des Wizzos Platz nehmen“, sagte er, „des Waffensystem-Offiziers“.
„Ok“, sagte ich und stieg langsam die Treppe auf der anderen Seite hinauf.
Als wir nebeneinander im Cockpit saßen, griff er zu mir herüber und half mir, die Gurte anzulegen.
„Wir machen jetzt keinen echten Flug, oder?“, fragte ich.
Er hielt inne und sah sich im Hangar um. „Es ist eine ruhige Nacht mit wenig Flugverkehr. Und keine Übungen oben auf der Schautafel. Ein kleiner Hüpfer ist möglich. Sind Sie dabei?“
„Ich …“
„Wenn Sie zögern, mein Lieber, sind Sie verloren. Ja oder nein.“
„Ja“, sagte ich.
Er sorgte rasch dafür, dass meine Sauerstoffmaske angeschlossen war. Dann saß er da, legte Schalter um, verstellte Drehregler, testete Querruder, Höhenruder, Seitenruder und meldete sich beim Tower an. Nachdem er das technische Bodenpersonal angefunkt hatte, damit es die Leitern entfernte, kam ein Angehöriger der Luftwaffe aus einem Hinterzimmer gerannt. Er entfernte schnell Plattformen und Bremsklötze. Balfour rief „Platz!“ und schloss dann die schweren Plexiglas-Hauben. Als er das Zweiturbinentriebwerk startete, donnerte und flackerte es im ganzen Hangar. Wir verweilten ein paar Sekunden am Standort, dann setzten wir uns langsam in Bewegung.
Die Tragflächen der F-111 bewegten sich auf und ab, als wir über den unebenen Beton rollten. Dann hielten wir kurz am Ende der Startbahn an. Mit angezogenen Bremsen erhöhte Balfour die Triebwerksleistung. Man merkte dem Jet die Kraftentfaltung in einer erheblichen Anspannung kurz vor dem Abflug an, wie ein Kurzstreckenläufer am Startblock im Augenblick vor dem Startschuss. Ich hörte den Tower sagen: „F-111, eins null neun Bravo, startfrei.“ Balfour löste die Bremsen und schob die beiden Gashebel fast bis zum Anschlag durch. Die Turbinentriebwerke dröhnten heftig. Außer dem Lärm konnte man nichts hören. Als wir abhoben, legte Balfour einen verdammt harten Start mit maximalem Schub der Nachbrenner hin. Sein Anstellwinkel war so steil, dass es sich anfühlte, als würden wir fast senkrecht in den Nachthimmel steigen. Ich war an meinen Sitz gedrückt und konnte kaum atmen. Er sah zu mir herüber und sprach über Intercom in mein Headset.
„Alles ok, Cowboy?“
Ich war ein wenig benommen, aber bei Bewusstsein. „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie reisekrank.“
„Das höre ich gerne. Wir rocken das.“
Er gewann etwas an Höhe, dann kippte er über den Flügel ab, um einen neuen Kurs zu setzen. Die Nachbrenner waren noch immer aktiv. Ich konnte den Fahrtmesser sehen, wir waren schon bei 375 Knoten.
„Ich dachte, ich könnte den Geländefolgeradar testen. Hughes Aircraft hat die Hard- und Software entwickelt. HighFrontier analysiert und überwacht deren Arbeit, oder?“
„Genau.“
„Dann gehe ich davon aus, dass das bestimmt interessant für Sie ist. Simulationen sind gut, aber nichts geht über reale Bedingungen.“
Balfour fing wieder an, Schalter umzulegen und Drehknöpfe zu betätigen. Auf dem Röhrenmonitor in der Mitte des Cockpits erschien ein gespenstisches Bild. Im Stockdunkeln unter uns waren die Geländemerkmale deutlich zu erkennen.
„Dies ist das zukunftsweisende Infrarot-Nachtsichtgerät. Das wird Ihnen gefallen, das Flugzeug verfügt über eine Onboard-Datenbank mit über Satelliten vermessenem Gelände aus ganz Europa und der arabischen Welt. Ich kann dem System sagen, dass es knapp über die Höhe der Baumkronen navigieren soll. In diesem Modus ist es fast unmöglich, uns auf dem feindlichen Radar zu finden. Ich stelle den Geländefolgeradar des Autopiloten auf Mach 0,8. Ich könnte das mit Überschall machen, aber ich möchte keine Bauernhausfenster sprengen. Der Basiskommandant würde mich erschießen.“
Balfour aktivierte das System und wir begannen mit dem Sinkflug. Schließlich erreichten wir eine Höhe von etwa 800 Fuß mit fast 500 Knoten. Geländemerkmale zogen auf dem grünlichen Cockpit-Bildschirm vorbei. Es war faszinierend und nervenaufreibend. Als wir uns einem Gebiet mit hügeligem Ackerland näherten, steuerte uns das System automatisch höher, um den Erhöhungen auszuweichen. Es war eine beeindruckende Technik.
Snoopy sprach ungefähr fünfzehn Minuten lang ohne Unterbrechung weiter und erklärte alle interessanten Aspekte der Geschichte, des Designs und der Technik des Flugzeugs.
Plötzlich gab es eine Pause. Wir blieben einige Minuten lang still. Dann sprach er weiter.
„Ich habe ein sehr wichtiges Merkmal des Flugzeugs vergessen“, sagte er. „Raten Sie mal, was passiert, wenn ich hier ziehe.“ Er zeigte auf eine leuchtende orangefarbene Metall-Schlaufe, die von der Decke des Cockpits baumelte.
„Keine Ahnung“, sagte ich.
„Über unseren Köpfen breitet sich automatisch eine Bleifolie aus.“
„Wozu?“
Mit einem unheimlichen Grinsen erklärte er: „Um uns vor der radioaktiven Strahlung zu schützen, wenn wir unsere Atomwaffen einsetzen.“
Er hörte nicht auf zu grinsen. Ich glaube, er wartete darauf, dass ich „Wow, abgefahren!“ sagte.
Nach einigen Minuten des Schweigens meinte er: „Bald sind wir an der Küste. Das ist eine interessante Gegend, um den Geländefolgeradar auszureizen.“ Kurz darauf flogen wir in eine dichte Nebelbank, die uns gänzlich die Sicht versperrte. Außerhalb des Cockpits war die Nacht schwarz und wurde jedes Mal von einem diffusen weißen Blitz durchbrochen, wenn die grellen Lichter an den Flügelspitzen aufblinkten. Auf dem grünen Röhrenbildschirm im Cockpit rauschte die Landschaft weiter unten vorbei.
„Wir sind jetzt in Schottland. In etwa zehn Minuten erreichen wir die nördlichen Küstenfjorde. Ich bin mir sicher, das wird Ihnen gefallen“, sagte er.
Die Bodenbilder auf dem Röhrenbildschirm wurden felsig und unübersichtlich. Ich spürte, wie das Flugzeug zu sinken begann.
„Das System führt uns direkt in die Schlucht eines Fjords. So fein ist die Technik der Geländekartierung“, sagte er.
Als ich nach rechts blickte, blitzte eine der Antikollisionsleuchten an den Flügelspitzen auf. Ich erhaschte einen Blick auf die zerklüftete Felswand, die für den Bruchteil einer Sekunde auf meiner Netzhaut verweilte. Mein Herz raste. Die F-111 sank weiter.
„Wir sind fast am Wasser. Das System führt uns beinah auf die Höhe des Meeresspiegels“, sagte er.
Gerade als Balfour das sagte, tauchten wir aus der Nebelbank in den klaren Himmel. Eine Mondsichel befand sich direkt vor dem Horizont. Sie strahlte eine schwach schimmernde Lichtsäule über dem Atlantik aus. Als der Jet auf das Meer zusteuerte, erhöhte sich unsere Geschwindigkeit. Meine Atmung war schnell und flach.
„Traue dem System. Lass es arbeiten, es kann das Flugzeug besser steuern als jeder Pilot“, sagte Balfour wohl zu sich selbst.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Es sah so aus, als wären wir 50 Fuß über dem Wasser. Plötzlich griff Balfour nach dem Steuerknüppel und zog ihn zurück, wobei er vollen Schub gab. Das Flugzeug wurde heftig durchgeschüttelt, was, wie ich wusste, bedeutete, dass wir uns kurz vor dem Strömungsabriss befanden, wo man wenig Kontrolle hatte. Wir stiegen steil vom Meer auf und nahmen an Tempo zu. Eine Computerstimme sagte: „Geländefolgeradar abgeschaltet. Manuelle Steuerung erforderlich.“
Balfour schwieg für einige Augenblicke, während wir flogen. Ich sah, dass er erschrocken war und tief Luft holte, um die Fassung wiederzugewinnen.
„Ich denke, das Radarsystem hat die Flughöhe vom Meeresboden gemessen, nicht von der Oberfläche. Ein Fehler beim Übergang zwischen Land und Meer.“ Er hielt inne und holte noch einmal Luft. „Ich muss zugeben … das war knapp.“ Dann war er plötzlich wütend. „Verdammt noch mal. Wer ist der HighFrontier-Direktor, der Hughes zugewiesen ist?! Mein kommandierender Offizier wird mit ihm darüber sprechen wollen.“
„Ich finde das für Sie heraus, sobald meine Leute vom Programmbüro kommen“, meinte ich.
Balfour sagte nichts mehr, als wir nach Mildenhall zurückflogen. Während unserer Landung bildete sich im Osten ein tiefes Indigoblau.
Bukowski und ich beschlossen, gemeinsam in seinen Vorgarten zu pinkeln. Wir standen Seite an Seite im Gras neben seinem Avocadobaum. „Ich mag dich, Alter“, sagte er und wandte den Kopf um. „Nicht auf meine Rosen, so `ne Scheiße!“ Er packte mich am Arm, damit der Urinstrahl wieder im Dreck landete.“ So beginnt der neue Roman von MICHAEL D. MELOAN nicht, sondern noch viel dramatischer: „Mein Vater befand sich im freien Fall. Als er auf dem Asphalt aufschlug, schoss ihm ein scheußliches Knacken durch den Leib, gefolgt von einer tranceartigen Benommenheit.“ Die beiden kleinen Ausschnitte verdeutlichen jedoch, zwischen welchen Polen der Roman „Pinball Wizard“ pendelt: Nämlich zwischen dem Scheidungskrieg seiner Eltern und den oft vertrackten Freundschaften zu seiner Freundin Chrissie & seinem Kumpel Charles Bukowski.
Bukowski und ich beschlossen, gemeinsam in seinen Vorgarten zu pinkeln. Wir standen Seite an Seite im Gras neben seinem Avocadobaum. „Ich mag dich, Alter“, sagte er und wandte den Kopf um. „Nicht auf meine Rosen, so `ne Scheiße!“ Er packte mich am Arm, damit der Urinstrahl wieder im Dreck landete.“ So beginnt der neue Roman von MICHAEL D. MELOAN nicht, sondern noch viel dramatischer: „Mein Vater befand sich im freien Fall. Als er auf dem Asphalt aufschlug, schoss ihm ein scheußliches Knacken durch den Leib, gefolgt von einer tranceartigen Benommenheit.“ Die beiden kleinen Ausschnitte verdeutlichen jedoch, zwischen welchen Polen der Roman „Pinball Wizard“ pendelt: Nämlich zwischen dem Scheidungskrieg seiner Eltern und den oft vertrackten Freundschaften zu seiner Freundin Chrissie & seinem Kumpel Charles Bukowski.
Michael D. Meloans Erzählungen sind in Wired, Huffington Post, Buzz, LA Weekly, Larry Flynt's Chic und in vielen Anthologien erschienen. Er war Interviewpartner in den Dokumentarfilmen Bukowski: Born Into This und Joe Frank: Somewhere Out There. Gemeinsam mit Joe Frank verfasste er eine Reihe von Hörspielen, die über das National Public Radio ausgestrahlt wurden. Für seine Kurzgeschichte „The Cutting Edge“, die auf Wired erschienen ist, wurden die Filmrechte gesichert. Zusammen mit seinem Bruder Steven schrieb er den Roman The Shroud. Viele Jahre lang war er als Software-Ingenieur tätig.
My mailbox contained a surprise a week or so ago: a novella (in a bilingual edition of German and English!) by Michael Meloan that is one of the most satisfying reading experiences I’ve had in recent years, in part because it handles a famous writer (Charles Bukowski) being one of its major characters with nonchalant deftness. It’s hard to classify Meloan’s slightly picaresque story, which is one of the things that makes it such a pleasure to read. Protagonist, Ralph Hargraves, is the first computer programmer narrator that I’ve ever found complex enough to care about. Meloan has a gift for writing unapologetically masculine prose that isn’t worried about how well it looks in the mirror. It’s flavorful without being exotic, and it doesn’t hurt that he has a fine ear for dialogue. He also keeps the backdrop of specific neighborhoods and locales in Los Angeles well in focus as the characters bicker, quarrel, and placate one another.